Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre (RSI)
Die drei Strukturbestimmungen des Subjekts Reales, Imaginäres und Symbolisches sind in der Struktur eines Borromäischen Knotens miteinander verbunden, das heißt: Jedes dieser „Register“ des Psychischen bedingt die anderen beiden, so dass die drei Begriffe eine unauflösbare Einheit bilden. Löst man einen von ihnen aus dem Gesamtgeflecht heraus, lösen sich auch die übrigen und verliert das Geflecht (das Subjekt) seine Kohärenz. Es ist unklar, ob Lacan diese Einheit als universal und unauflöslich betrachtet, oder ob nicht in der Psychose diese Einheit auf traumatische Weise aufgelöst ist.
Das Imaginäre
Bei Lacan bezeichnet „das Imaginäre“ eines der drei Register des Psychischen. Das Imaginäre ist bildhaft und dual organisiert und wird insbesondere im Spiegelstadium ausgebildet. Es ist der Ort der Selbstidentifikation, des Selbstbildes, aber auch des Verkennens und der Täuschung. Zum Imaginären gehört auch der Bereich des Begehrens (siehe Objekt klein a) sowie der Phantasmen.
Objekt klein a
Das Objekt klein a („objet petit a“) oder der kleine andere ist ein zentraler Bestandteil des Psychischen in der Theorie Jacques Lacans. Es ist nicht zu verwechseln mit „A“, dem „großen Anderen“. Mit Objekt klein a wird ein Objekt des Begehrens, also ein (in Freudscher Terminologie) „libidinös besetztes“ Objekt bezeichnet, das jedoch wesenhaft unerreichbar ist. Grundvoraussetzung zum Verständnis des Objekts klein a ist Lacans Konzeption des Subjekts als Träger eines irreduziblen Mangels. Dieser Mangel beginnt mit der Geburt, die das Kind aus der alle Bedürfnisse automatisch befriedigenden, vorbewussten Vollkommenheit seines embryonalen Daseins herauswirft (Lacan spricht deshalb auch von einer „Vorzeitigkeit der Geburt“ beim Menschen), und verstärkt sich noch durch seine zweite große Trennung, die Trennung aus der Symbiose mit der Mutter(brust). Auch von seinem Spiegelbild, dem es sich im Spiegelstadium gegenüber sieht, ist es getrennt und entfremdet. Das Subjekt ist seitdem unvollständig, weshalb es stets danach begehrt, vollständig zu werden und seinen Mangel, seine Lücke im Subjekt durch Objekte aufzufüllen. Das Objekt klein a als der „Grund des Begehrens“ fungiert als Antrieb und Auslöser der Handlungen des Subjekts. Aber der Mangel ist letztlich nicht aufhebbar, das Objekt bleibt unerreichbar.
Spiegelstadium
Die Konzeption des Spiegelstadiums zählt zu den bekanntesten und einflussreichsten Theorien Lacans. Mit dem ersten Blick auf das Ich als Ganzes konstituiert sich nach Lacan die psychische Funktion des Ichs (frz. „je“) überhaupt. Durch das im Spiegel erblickte Selbstbild entwickelt das Kind erst ein Bewusstsein von sich selbst. War es zuvor noch symbiotisch mit seiner Außenwelt – v.a. in Form der Mutter(brust) – verbunden, beginnen sich nun Ich und Nicht-Ich voneinander zu trennen. Das Kind erfährt sich zum ersten Mal als autonomes, kohärentes, vollständiges Lebewesen.
Phantasma
Lacan bezeichnet damit die psychische Repräsentation eines Objekts oder einer Situation, an die sich das Subjekt bildhaft erinnert. Das Phantasma gehört somit dem Register des Imaginären an. Diese zunächst allgemeine Bestimmung spezifiert Lacan, wenn er vom Phantasma als einer Form der Abwehr spricht. Oft liegen der Entwicklung eines Phantasmas traumatische Erlebnisse zugrunde, die jedoch im vorgestellten Bild abgewehrt und umgedeutet werden. Ein Beispiel dafür ist die Pornografie, in welcher der Konsument sich ein Szenario entwirft (bzw. ein solches konsumiert), in dem reale Unterlegenheit und subjektiv empfundene Minderwertigkeit in sexuelle Unterwerfung der Frau und uneingeschränkte phallische Macht des Mannes umgedeutet wird. Aus der Niederlage der Kindheit macht das perverse Phantasma einen sexuellen Triumph. Insofern bezeichnet Lacan das Phantasma insbesondere als Abwehr gegen Kastrationsangst bzw. allgemeiner auch Abwehr gegen den Mangel im großen Anderen.
Das Reale
Das Reale ist der wohl rätselhafteste Begriff der Lacanschen Theorie, da er per definitionem nicht definierbar ist. Lacan beschreibt das Reale als das, was weder imaginär noch symbolisierbar ist, sondern eine eigene, massive, nichtreduzierbare und singuläre Existenz und Präsenz besitzt – etwa ein Traum, unter dem man leidet und der (noch) nicht in eine Geschichte verwandelbar ist. Das Reale ist immer etwas Unfassbares, Unsagbares, nicht Kontrollierbares, eine Art von Horror oder Trauma. Es tritt auch in den Sphären der Sexualität (siehe auch: Jouissance), des Todes und der Gewalt in Erscheinung. Das Reale ist das außerhalb der normalen Realität Liegende und Verdrängte, das diese bedroht. Es ist insofern verwandt mit dem Freudschen Begriff des Es. Zum Realen gehören:
Jouissance
Das Genießen steht für Lacan – im Gegensatz zur Lust und zum Begehren – für eine unmittelbare Befriedigung insbesondere sexueller Bedürfnisse. Es gehört, als „idiotische“, stumpfsinnige, sich dem Sinn entziehende Form der Befriedigung, dem Bereich des Realen an.
Sinthom
Das Sinthom oder Sinthome (frz.) ist bei Lacan jener Teil des Symptoms, der den Kern des Subjekts bildet. Im Unterschied zum Symptom ist das Sinthom kein Signifikant; es verweist nicht auf etwas anderes. So widersteht es jeder Interpretation und ist letztlich nicht ausflösbar. Es gehört dem Bereich des Realen an, sofern es die Art und Weise darstellt, in der das Subjekt sein Genießen organisiert.
Das Symbolische
Das Symbolische besteht aus Signifikanten, die zu Signifikaten in einer wohlgeordneten Beziehung stehen (vgl. auch Ferdinand de Saussures Sprachtheorie). Das Symbolische ist die Ordnung der Sprache und des Diskurses, jedoch auch die Ordnung der Macht und des „Gesetzes des Vaters“ (Name-des-Vaters), welche wiederum selbst eine sprachliche Ordnung ist. Das Symbolische hängt insofern mit dem Begriff des großen Anderen zusammen. Zum Symbolischen gehören daher:
Kastrationsangst
Lacan bezeichnet die „Kastrationsdrohung“, der das Kind sich ausgesetzt fühlt, als „Nein-des-Vaters“ (Non-du-Père). Dieses Nein kann sowohl vom Vater selbst als auch von anderen Personen „Im-Namen-des-Vaters“ (meist implizit) ausgesprochen werden. Da für Lacan der Name-des-Vaters (le Nom-du-Père) auch die Gesetze der Gesellschaft repräsentiert (etwa das Inzesttabu), gehört der Kastrationskomplex der symbolischen Ordnung an. Durch das Nein des Vaters wird das Kind in die symbolische Ordnung der Gesellschaft und der Gesetze eingeführt. Lacan bezeichnet die Kastration, die ja stets nur angedroht bleibt, und die mit dieser Drohung einhergehende Hinwendung zum Symbolischen, deshalb auch als „symbolische Kastration“. Mit dem Eintritt ins Symbolische geht die Kastrationsangst teilweise auf das durch den Vater repräsentierte Symbolische selbst, den großen Anderen über.
Name-des-Vaters
Der Name-des-Vaters (fr. Nom-du-Père) ist bei Lacan ein Signifikant, der die Konsistenz der Gesetze der symbolischen Ordnung garantiert. Jedes Gesetz, so Lacan, spricht immer schon „im Namen des Vaters“ und verdankt diesem seine Autorität. Der Begriff „Name-des-Vaters“ ist nicht wörtlich zu verstehen. Der Träger des ödipalen Neins und des Gesetzes muss nicht zwangsläufig der reale Vater sein, sondern ist vielmehr der symbolische Vater, dessen struktureller Platz auch von anderen Personen (Mutter, Geschwister, Erzieher) oder Institutionen eingenommen wird (Lehrer, Richter, Polizisten, Priester, politische und religiöse Führer, Psychoanalytiker, Gott, aber auch allgemeiner: soziale Normen, der große Andere). Lacan spricht deshalb auch oft von den Namen-des-Vaters im Plural.
Das Grosse Andere
Der große Andere („A“) ist im Unterschied zum „kleinen anderen“ (Objekt klein a) ein Konzept der Alterität und Andersheit. Der große Andere ist das Andere des Subjekts, das Nicht-Ich, das dieses Subjekt jedoch immer schon strukturiert und ausrichtet. Der große Andere ist die symbolische Ordnung der Sprache, die das Subjekt benutzt, um selbst sprechen zu können und von der es sich seine Stimme leiht. „Was jedes Subjekt zuerst in seinem Leben antrifft, sind Signifikanten.“ (Peter Widmer, Subversion des Begehrens S. 43) Das Modell, das hinter dieser Konzeption von Sprache steht, ist die strukturalistische Zeichen-Theorie Ferdinand de Saussures mit ihren Begriffen Signifikant und Signifikat.
Ödipuskonflikt
Bei Lacan erfährt die Freudsche Darstellung des Ödipuskonfilkts eine bedeutende Rekonstruktion. Zunächst weist Lacan darauf hin, dass der Ödipuskonflikt ein Mythos sei, d.h. eine sprachliche Fiktion. Das entscheidende Geschehen findet nicht auf der Ebene des Realen statt, sondern auf der Ebene des Symbolischen. Der Vater ist nicht notwendig eine reale Person, sondern eine Funktion. Diese Funktion kann von verschiedenen Repräsentanten ausgefüllt werden oder sich auch nur indirekt aus der Zurückweisung des Inzestwunsches durch die Mutter ergeben. Entscheidend ist nach Lacan lediglich die Fiktion einer das Gesetz (das Inzestverbot) repräsentierenden Instanz. Diese Instanz nennt Lacan den großen Anderen, wobei dieser Andere durch verschiedene Autoritätsfiguren wie Lehrer, Polizisten, Richter, Geistliche etc. repräsentiert werden kann. Der große Andere ist also nicht zwangsläufig der Vater, aber er spricht, so Lacan,“im Namen des Vaters“. Indem sich das Kind dieser Instanz unterwirft und das Gesetz anerkennt, wird es zugleich in die Ordnung des Symbolischen eingeführt und aufgenommen – die Ordnung der Sprache, des Diskurses, des Sozialen und seiner Normen.
Quelle: Lacanismus Wikipedia
[...] noch aller fortgesehnter Sicherheitsabstand! Die Hilflosigkeit, mit der das Lebendige unter dem Namen des Vaters gesucht wird, erschreckt. So lese ich ihre Romane wie Horrorliteratur: Lovecraft oder King. Die [...]