tugor

Die anthropologische Frontier und die Stimme des Anderen

In Das Imaginäre on November 12, 2008 at 3:52

Tu und Gor diskutieren heute die Parallelen zwischen Abraham Lincoln und Barack Obama und entdecken auf der Ebene der semiotischen Codes, Mythen und Phantasmen eine Vielzahl psychoanalytischer (oder borromäischer) Verknotungen und Intertexte …

LINK: Barack Obama / Abraham Lincoln – Media-Tetrads

TU: Ja, das ist schön zusammgefaßt! Es spricht ja auch nichts dagegen, für etwas Historisches auch strategisch vorzugehen.

GOR: Spielberg springt auch gleich auf diesen Lincoln-Zug auf, wobei 1860 (Amtsübernahme Lincolns) ist in 2010 auch der 150. Jahrestag und 2009 ist 200. Jahrestag von Lincolns Geburtstag. Erstaunlich finde ich dass es über Lincoln nur zwei Kinofilme gibt, einen von John Ford (1939) und einen von D. W. Griffith (1930).

TU: Ich wußte nicht, daß John Ford auch einen gemacht hatte …

GOR: Ja, „Young Mr. Lincoln“. Der Film zeigt ihn als jungen Anwalt in Springfield, Illinois. Lincoln wird da von Henry Fonda gespielt. Ein sehr guter Film, wenngleich halt schon arg mythologisierend. Interessant finde ich auch diese Sache mit der „Frontier“, weil gerade John Ford diese „Frontier“ vs. „Zivilisation“ Spaltung in den USA immer wieder in seinen Western thematisiert und man diese Spaltung auch in „Young Mr. Lincoln“ sehen kann. Die ganzen Codes für die „Frontier“…die Grenze zwischen Wilderness und Kultur kehren in „Young Mr. Lincoln ständig wieder. Wenn man das auf Obama überträgt—>also von Blockhütte Kentucky zu Wellblechhütte Kenia, ist Afrika die neue amerikanische „Frontier“…

TU: Wahrscheinlich repräsentiert Obama einfach (und das ist das Tolle an ihm) die Schließung dieser Lücke=frontier – er steht für die geschlossene Wunde, und es ist halt die Frage, ob auch die Wundbesessenen unter den Amis damit leben können.

GOR: Schöne Analyse! Ja, so könnte man das sagen. Die Schliessung der Lücke=Frontier wird ja auch schon bei John Ford vollzogen, wo Lincoln als Personifizierung des Grenzgängers Recht und Ordnung an die Frontier bringt und somit auch die Erfahrung der Frontier nach Washington.

TU: Ja, oder noch genauer: Er IST schon das, zu was Amerika als Ganzes erst WERDEN kann/muß.

GOR: Das Beängstigende ist halt, dass es wohl irgendwann mit Stigmata endet. Auch im Bezug auf den Lincoln Vergleich. Hoffen wirs mal nicht, aber irgendwie ist im Obama Sub- und Intertext dieses Attentatsgespenst…

TU: Dieser „Schatten“ hat vielleicht was mit dem verlorenen Vater zu tun, er ist ja ohne ihn aufgewachsen, und es kann sein, daß dieser irgendwann noch mal bedrohlich in Erscheinung tritt.

GOR: Ja, wie Freud in „Totem und Tabu“ schreibt: die toten Väter sind lebendiger als die lebenden, bzw. sie kehren stärker wieder als der Lebende gewesen war. Die Wiederkehr des obszönen Vaters, der seine „Horde“ terrorisiert. Das ist der Schatten, genau.

TU: Es hängt also davon ab, wie sehr Obama diesen Vater-Schatten schon integriert hat, so daß er nicht von außen kommen muß, um in Erscheinung zu treten (s. Marvin Gaye, der 1984 von seinem Vater erschossen wurde).

GOR: Naja, aber andererseits hat er ja sein erstes Buch „Dreams from my Father“ genannt. Insofern gab es da auf der Ebene des Unterbewussten (Dreams) bereits eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Schatten, oder?

TU: Ja, stimmt, und ich denke auch, daß bei Obama der Vater in seiner Stimme inkooperiert (so wie beim „Exorcist“, nur eben positiv: ein „Incorcist“) ist, denn sie wirkt sehr abgeklärt/väterlich, obwohl seine äußere Erscheinung so nach smart college boy aussieht.

GOR: Der Vater verschmilzt mit der präsidialen Stimme Lincolns (Wellblechhütte=Holzhütte), der zum Vaterersatz wird, da das Präsidiale eben vom Vaterersatz herkommen muss. Aber hier haben wir halt wieder den frühen Tod, sowohl bei Vater Obama als auch bei Lincoln. Daher bleibt meines Erachtens der bedrohliche Subtext erhalten.

TU: Die Stimme Obamas ist also der „reale“ Präsident, während der Körper noch das Jungenhafte präsentiert – interessant ist, daß es bei Bush genau andersrum war: da war der Habitus präsidentenmäßig, während die Stimme eher so was Jungenhaft-Pubertäres hatte.

GOR: Ja, der Vergleich mit der Vater-Sohn Problematik bei Bush liegt natürlich nahe. Während wir bei Bush den klassischen Ödipuskonflikt haben, ist es bei Obama schon ein post-symbolischer, der sich eher mit dem Imaginären (Träume=Vater in Kenia und Mythos=Lincoln in Kentucky) und dem Realen (Tod des Vaters vs. Attentat am Präsidenten) auseinandersetzt.

TU: Ich denke, daß Obama es vielleicht sogar schafft, Bushs ödipalen Vater-Konklikt zu lösen, indem er ihm vormacht, wie man den Vater inkooperieren kann (in der Stimme), während Bush das nie gelungen ist – wahrscheinlich ist deswegen Bush auch so freundlich ihm gegenüber, weil er merkt, dass Obama diese Synthese gelungen ist.

GOR: Ja, da ist was dran, denn der Name-des-Vaters ist immer ein Sigifikat; d.h. im Grunde genommen haben es diejenigen schwieriger, deren Väter noch nicht tot sind—>siehe „Totem und Tabu“. Das Signifikat ist ja was Sprachliches (Text) und die Stimme des lebenden Vaters ja was Körperliches…

TU: Wenn man Bush und Obama zusammen sieht, wie jetzt neulich bei ihrem Treffen, dann merkt man, daß Obama viel väterlicher wirkt als Bush, dem eigentlich diese Aufgabe zufallen würde – aber Bush ist immer noch der kleine texanische Junge, der Indianer (Bin Laden) jagt. In dem Sinne klafft in Bush die Lücke, deren Schließung Obama repräsentiert: Bush hat buchstäblich nichts, das er inkorporien könnte, da sein lebender Vater noch nicht zum Namen-des-Vaters geworden ist.

GOR: Dazu passt ja auch, dass Kenia geographisch direkt unter Äthiopien liegt, was wiederum gegenüber von Saudi Arabien (Bin Laden) lieg. Somit besucht – aus Bushs Perspektive – quasi der Sohn eines Mannes von der neuen „Frontier“ (ein Indianer) sein Wohnzimmer im Weißen Haus.

TU: Ja, auf Bush wirkt dieser „Indianer“ unerwarteterweise wie ein Vater – das ist ein Schock für den texanischen Jungen, denn er merkt das erste Mal, daß es so etwas wie den Namen-des-Vaters überhaupt gibt (beziehungsweise: er merkt, daß es seinen realen Vater in gewissem Sinne nicht gibt und nie gegeben hat). In dem Sinne wollte Bush sich Bin Laden (seinen perversen Vater) immer durch Töten einverleiben, während Obama die Exterritorität, die Bin Laden repräsentiert, durch seine Herkunft bereits IST.

GOR: „Totem und Tabu“ ist ja auch ein Buch über Anthropologie. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden vor allem Stammesgesellschaften – unter anderem auch in Afrika – analysiert. In gewisser Weise, so könnte man sagen, konfrontiert der imaginäre Vaterkonflikt an der (anthropologisch-psychoanalytischen) Frontier bei Obama quasi die Fundamente von „Identität“ im Westen, da Hollywood (also auch der Western) stark von Freud beeinflusst ist.