TU und GOR regen sich heute über einen Spiegel-Artikel des Journalisten Henryk M. Broder auf und besprechen dabei die Hermeneutik der Toleranz und kulturwissenschaftliche Proseminare der 1990er Jahre.
LINK: Kulturkampf Debatte: Gefährlicher Tanz mit der Toleranz von Henryk M. Broder, Spiegel, 1.11.2008
GOR: Das ist nicht die „Kulturkampf“-Debatte sondern die „Political Correctness“-Debatte, die von Konservativen immer dann aus dem Hut gezaubert wird, wenn es darum geht auf Linke einzudreschen. Wenn eine Gesellschaft im Sinne Poppers nicht offen und tolerant ist, ist sie eben geschlossen. Daran rumzudeuteln ist doch reinste Zeitverschwendung.
TU: Ja, sehe ich auch so. Das sind so Beobachtungen, die letztlich nirgendwohin führen, weil Broder die Sachen letztlich nicht analysiert, sondern nur auflistet.
GOR: Ja, das sind halt die typischen Argumente der Rechten gegen (linke) Toleranz. Das Problematische an dieser Haltung ist, dass sie im Grunde genommen keine Rücksicht auf Kontexte nimmt. Das heißt: anderen Kulturen wird kein Recht eingeräumt sie hermeneutisch zu deuten, wohingegen die „eigenen“ Gräueltaten der „eigenen“ Kultur immer Kontexte haben wie „Zivilisationsprozess“. Daher relativieren die Rechten den Holocaust auch immer mit Stalin, Geschichte des Rassismus etc, wohingegen der islamische Fundamentalismus oder die Scharia und dergleichen immer was Essentialistisches sind – quasi in die DNA der islamischen Kultur eingeschrieben. Das wird alles naturalisiert. Toleranz bedeutet im Grunde genommen ja eigentlich nichts anderes als Hermeneutik —>Verstehen des „anderen“. Ich glaube der Broder (oder allgemein die Rechten) verstehen „Toleranz“ auch als etwas Nicht-Diskursives, jenseits der Sprache. Als etwas „Analphabetisches“ quasi. Als Intuition der „Gutmenschen“. Ein vollkommen absurder Begriff. Dabei ist gerade Hermeneutik rein sprachlich-diskursiv. In Wirklichkeit ist hier Broder der intuitive Analphabet, weil er diesen Zusammenhang gar nicht kapiert.
TU: Broders Denken hat auch etwas Statisches, da er die Vorgänge, die er benennt, nicht als Prozesse versteht, sondern bloß als „Ereignis“, das dann so und so gedeutet werden muss – und vielleicht ist gerade dies eine „rechte“ Denkfigur: das „Ereignis“ (s. diese berühmte Spätschrift Heideggers, „Vom Ereignis“)
GOR: Moralische Urteile sind immer emotional, nicht rational. Deshalb ist das im Endeffekt so eine PC-Debatte, weil diese immer emotional aufgeladen ist. Leute, die sich auf solche Debatten einlassen kommen mir immer vor wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen: zertrampeln alles um sie herum, um ihren Testosteronspiegel zu beruhigen.
TU: Letztlich ist so ein Denken absolut argumentfrei, es geht da nur um Evidenzen – das ist wie der Unterschied zwischen einem richtigen Medikament und einem Placebo…
GOR: Also mir gehen Artikel wie diese, über den „Kulturkampf“ so langsam gehörig auf die Nerven. Ich hatte bereits vor 15 Jahren, also 1994 in Tübingen in einem Proseminar in Kulturwissenschaften eine Sitzung über den Essay Huntingtons, „Clash of Civilizations“, in der diese ganzen Polarisationen dekonstruiert wurden. Ich meine, stell Dir das mal vor: in einem kulturwissenschaftlichen Proseminar! So Leute wie dieser Broder sind intellektuell nicht mal auf dem Niveau eines Proseminars von vor 15 Jahren!
TU: Ja, damals war das Niveau noch höher! Für so ein Magazin wie den Spiegel taugt sowas halt, weil es absolut geistfrei ist und der Leser nur dem Kopf nicken braucht vor lauter „Evidenzen“ – letztlich ist das ein totalitäres Denken, weil es auch gar kein Denken befördern will. Das hat also auch medientypische Gründe, da so etwas eine Art „easy reading“ garantiert, das lesen die Leute gerne und schnell: „instant journalism“ (so wie „instant coffee“) – sofort löslich, sofort vergessen…