TU und GOR diskutieren heute das bevorstehende wissenschaftliche Großereignis, das CERN Experiment im Large Hadron Colider, die Suche nach dem Ursprung des Universums und die Frage, warum es überhaupt etwas gibt und nicht nichts…
TU: In der taz von heute ist auch ein Porträt über den Tübinger Prof. Rössler, der das Projekt ja kritisiert und auch dagegen geklagt hat.
LINK: „Zum Start des Teilchenbeschleunigers LHC: Der Prophet des Planetentods” (taz.de, 8. September 2008)
GOR: Dieser Otto Rössler scheint ja schon öfters Probleme mit Autoritäten gehabt zu haben. Hoffen wir mal, dass Stephen Hawkings Berechnungen richtig sind und sich diese Mini-Schwarzen-Löcher tatsächlich in Luft auflösen. Falls sie nämlich wachsen, glaube ich nicht, dass man das stoppen kann. Die Masse des Lochs wird dann immer größer, weil es alles um sich herum einfach schluckt.
TU: Man sollte vielleicht noch eine Ebene weitergehen und sagen, daß das WIRKLICHE Problem, das Hawking und Rößler verbindet, jenes ist, daß sie überhaupt glauben, es gebe tatsächlich solche Schwarzen Löcher…
GOR: Soweit ich weiß, entstehen diese Löcher, wenn eine Sonne in einer Supernova explodiert. Irgendwie finde ich aber die ganze Entsetehungsgeschichte mit dem Urknall völlig absurd. Wie kann die gesamte Masse des Universums auf einer Masse in der Größe eines Atoms beruhen? Die einzige Erklärung dafür ist, dass man gemessen hat, dass das Universum expandiert und es deshalb vor etwa 13 Milliarden Jahren (logischerweise) unendlich klein gewesen sein muss und sich deshalb dann mit einem großen Knall ausgedehnt hat. Das Experiment in der Schweiz soll jetzt aufklären, was direkt nach dem „Big Bang” passiert ist, also wie aus einzelnen Atomen “Masse” wird. Die Physiker wissen nämlich immer noch nicht, wieso es überhaupt Masse gibt….
Higgs-Boson
Das Higgs-Boson oder Higgs-Teilchen ist ein hypothetisches Elementarteilchen, das im Standardmodell der Elementarteilchenphysik vorhergesagt wird. Im Standardmodell ist die Masse der Elementarteilchen keine grundlegende Eigenschaft ihrer selbst, sondern entsteht erst durch den Higgs-Mechanismus. (Aus Wikipedia)
GOR: Darum geht’s bei dem CERN Experiment am Mittwoch eigentlich. Bisher ist das eine reine Hypothese, verstehst? D.h. die wissen nicht, wieso sich die Elemente des Atoms miteinander zu einer Masse/Materie verbinden…. Gibt es das Higgs-Teilchen? Das ist quasi die Suche nach dem Heiligen Gral …
TU: Stimmt, das ist der Gral…bzw. das ganze ähnelt irgendwie auch stark den christlichen Reliquienkulten… Das mit den Löchern ist doch ein Phantasma – man muß sich doch fragen, warum die darauf rumreiten, oder? Ich habe eher den Eindruck, daß die Angst, die solche Leute wie Rössler umtreibt, die – recht grausige – Vorstellung ist, daß durch eine solche Teilchen-Explosion eine zweite, unabhängig von der bisherigen bestehende Welt instandgesetzt würde, als eine Art Second Life IN ECHT…
GOR: Naja, die Angst ist ja berechtigt, insofern es tatsächlich Schwarze Löcher gibt. Nach Einstein müsste es sie geben. Beruht ja alles auf der Relativitätstheorie. „Schwarzes Loch” ist eigentlich nur eine Metapher für eine “Masse”, dessen Gravitation so stark ist, dass es selbst Licht schluckt. Aber klar, du hast recht, ist nur eine Theorie. Beobachten kann man diese Löcher nicht.
TU: Ja, mich interessiert halt, warum sich jemand mit sowas so obsessiv beschäftigt, die mentalen Hintergründe.
GOR: Naja das ist eigentlich Grundlagenphysik, wenn man Astronomie studiert. Also damit beschäftigen sich, denke ich, Studenten der Astronomie bereits im Grundstudium. Vielleicht musst du eher fragen, wie die Psyche der jungen Leute aussieht, die Astronomie studieren…
TU: Genau, das ist eine Frage der Psyche, der jouissance (=Schwarzes Loch). Ich meine eher die Angst, die hinter solchen Theorien steckt – interessant scheint mir ja nicht die Vorstellung zu sein, dass es solche Löcher geben könnte, sondern eher die Frage, was aus diesen Löchern hervorkommen könnte (s.”Alien”); vielleicht ist das eine Art physikalischer Messianismus?
GOR: Ja also ganz klar: die Suche nach der “Weltformel” die alles erklärt (also wie Masse entsteht) oder die Frage nach dem Ursprung von Alles (Bing Bang Theorie), das sind ja auch religiöse Fragen. Dahinter stehen ursprünglich philosophisch-theologische Fragen wie: “Wieso gibt es was, und nicht nichts?”
TU: Man müßte noch weitergehen und fragen, warum sich manche den Ursprung als Loch vorstellen, als Hohlform – vielleicht käme ja aus den Schwarzen Löchern der Messias?
GOR: Nein, nein … der Ursprung ist kein Loch, sondern eine stark verdichtete Masse von der Größe eines Atoms. Aber die eigentliche Frage lautet physikalisch übersetzt: “Wieso gibt es Masse, die man anfassen kann, und wieso löst sich das nicht einfach in die Bestandteile des Atoms auf?” Das ist die Schlüsselfrage.
TU: Mir scheint die Physik die wahre Esoterik zu sein…In der Bergpredigt heißt es doch, das Reich Gottes sei wie ein Senfkorn…
GOR: Na klar…kein Theologe oder Philosoph stellt sich noch ernsthaft solche Fragen. Seit Einstein machen das nur noch Physiker und Astronomen…
TU: Das heisst, die Sprache der Physik ist letztlich eine theologische Sprache? Bei Freud, glaube ich, habe ich mal die Definition von Melancholie gelesen, nach der diese die Unfähigkeit sei, die Dinge zu beenden – und so auch hier, die permanente Suche nach dem Ursprung als das Zeichen einer tief melancholischen Kultur, einer heidnischen zudem; denn ein jüdischer, anti-melancholischer Trick ist natürlich das Erste Buch Mose, in dem einfach steht, wer und wann das Ganze in Gang gesetzt hat, und fertig…
GOR: Naja, aber die Frage warum es “Masse” gibt ist schon wichtig. Die verschiedenen Bestandteile des Atoms sind ja irgendwie miteinander verbunden und man weiß immer noch nicht warum. Ich denke dass es junge Leute zur Physik und Astronomie insbesondere zieht, weil sie sich eben unter anderem auch diese wesentlich religiösen Fragen stellen. Vor allem aber weil der Blick in den Himmel sehr faszinierend ist und man sich automatisch diese Fragen stellt, wie das Universum entstanden ist etc. Außerdem entstand das erste Buch Mose ja auch aufgrund dieser Frage, wie alles entstanden ist. Ist doch einer der wesentlichen Fragen, die man sich als spiritueller Mensch stellt. Insofern, ja, die Physiker sind die modernen Theologen, ganz ohne jeglichen Zweifel. Zumindest was die Genesis betrifft.
TU: Jede melancholische Kultur beharrt auf einem Ursprung, ob der nun verloren ist oder nicht – das ist mein Gedanke, und ich denke, dass auch die Physik in diese Richtung gehört. Die Religion stellt sich die Frage nicht, denn sie sagt einfach, dass Gott dies alles gemacht hat, wodurch psychotechnisch der Regress in die Melancholie verhindert werden soll (natürlich stellt sich da die Frage, wer das ist, dieser Gott, der all dies gemacht hat – aber dies ist qualitativ eine ganz andere Frage als die nach den Löchern).
GOR: Ja in dieser Hinsicht hat du natürlich recht. Das christliche Abendland inklusive Aufklärung beruht auf dieser ultimativen Frage nach dem Ursprung. Das ist quasi die Paradoxie des telelogischen, auf Fortschritt beruhenden Abendlands. Ohne Ursprung, keine teleologische Progression. Daher wahrscheinlich auch das astronomische Modell des expandierenden (progressiven) Universums mit dem singulären Punkt als Ursprung. Ein recht einfaches Modell. Ich finde das Modell ziemlich absurd. Interessanter scheint mir die Frage nach der Beschaffenheit von Masse. Ist das auch eine melancholische Frage?
TU: Interessant, was Du sagst: Auch der Fortschritts-Gedanke wäre dann letztlich ein melancholischer Gedanke.
GOR: Ja, das ist ja logisch. Der Dürer Stich Melancolia stellt ja einen Mann der Wissenschaften aus der Renaissance da. Einen Grübler der sich die Frage stellt, wieso die Welt entstand. Siehe auch den Melancholiker Faust etc. Also ich denke dass die Kultur der Melancholie und Fortschritt/Technik Hand in Hand gehen. Ich glaube nicht, dass das eine wesentlich neue Erkenntnis ist: ohne Ursprung kein Fortschritt. Aber die die Konsistenz von Materie halte ich eigentlich für die wichtigere, wenn du so willst, philosophischere Frage. Könnte man natürlich aber auch als Ursprungsfrage bezeichnen.
TU: Aber interessanter als die Frage, was Materie sei, finde ich den Klassiker: Warum gibt es überhaupt Materie(=Etwas)?
GOR: Ja ne, das ist ja genau die Frage, die sich die Physiker von CERN stellen. Nicht was Materie ist, sondern WIESO sich die einzelnen Bestandteile des Atoms zu einer Masse verbinden = wieso ist etwas und nicht nichts?
TU: Interessant in diesem Zusammenhang ist da natürlich auch das Melancholie-Verbot im Christentum – dies wird meist immer negativ zitiert, man kann es aber auch anders sehen: als einen Versuch, dem Menschen die Frage nach dem Ursprung zu ersparen.
GOR: Also ich als Physik-Laie finde schon allein die Tatsache faszinierend, dass kein Naturwissenschaftler dieser Welt mir erklären kann WIESO etwas ist, und auch nicht wieso es kommt DASS überhaupt etwas ist und nicht Nichts. Das bedeutet eigentlich sokratisch gesehen, dass sie wissen, dass sie eigentlich nichts wissen. Im Endeffekt sind mir aber solche historischen Epochen dennoch lieber als etwa das Mittelalter, in dem man sich solche Fragen nicht stellt, um die Melancholie die dahinter steckt zu verhindern. Bin da immer auf der Seite der Melancholiker. Man müsste sich auch fragen, ob die griechische Antike eine melancholische Kultur gewesen ist. Scheint mir irgendwie eher nicht der Fall gewesen zu sein.
TU: Ich glaube auch nicht, dass die Antike eine melancholische Epoche war – die Frage nach dem Ursprung ist ja immer auch die Frage nach dem Vater, und ich denke, dass da die Antike durch die Mythen noch etwas abgesicherter war, auch wenn es bei Platon und Aristoteles dann auch eine starke Mythenkritik gibt.