TU und GOR diskutieren heute die Bedeutung von Pathos, Ästhetik und Rhetorik in der amerikanischen und deutschen Politik.
LINK. Barack Obama: Acceptance Speech to Democratic National Convention 2008
TU: Das sind schon echt historische Momente in Amerika gerade, und ich finde immer toll, daß die Amis, grob gesprochen, auch immer so ein Pathos draufhaben, daß sie das Große nicht scheuen, und wenn man damit mal die deutsche Politik vergleicht, auch vom Personal her…wenn da jemand pathetisch ist, so wie Lafontaine, dann wird er gleich in die faschistische Ecke gestellt…
GOR: Wobei das mit dem “historisch”…naja…also schwarze Präsidenten gibt es ja schon lange … in Afrika etwa…also eigentlich ist das ja nix besonderes. Ich glaube globalgeschichtlich gesehen, bedeutet Obama eigentlich eher den endgültigen Abschied vom westlichen Kolonialdenken. So bitter das auch klingt, aber anscheinend ist das erst 60 Jahre nach dem Ende der Kolonialzeit auch aus den Köpfen raus.
TU: Historisch meine ich ja nicht wegen der Hautfarbe, sondern weil es da so einen Triumph der Rede gibt, als öffentlicher Akt, während das öffentliche Reden hier in Deutschland verschwunden ist, es gibt einfach keine Figuren mehr, die irgendwie reizvoll wären, außer Münte vielleicht.
GOR: Da hast du recht. Diese Reden sind wirklich großartig – auch die von Michelle Obama, die sehr emotional war. Hillarys Rede war eher eine Art Kampfansage. Pathos bedeutet übersetzt eigentlich lediglich “Leidenschaft” und ist einer der drei Grundelemente der Rhetroik, neben Logik (Argumente) und Ethos (Charakter des Redners). Ich denke aber, dass diese Art von Pathos bei den National Conventions der Republikaner und Demokraten schon seit Jahrzehnten eine große Show ist. Aber abgesehen vom Showcharakter, steht halt dennoch die Rhetorik im Zentrum, die Rede, nicht ausschließlich die Show…
TU: Ich fand dieses amerikanische Pathos immer schon toll, so ganz grundsätzlich, auch wenn das natürlich auch seine Schattenseiten hat, aber diese Energie, die dahintersteckt, fand ich immer schon vorbildlich, von Michael Jackson bis zu Walt Whitman sozusagen…
GOR: Ja das erinnert ja auch ein bisschen an Reden im Senat oder vorm Volkstribunat im antiken republikanischen Rom, die ja meist auch voller Pathos waren und den “populus” zu Tränen, Wut und Begeisterungsstürmen trieben. Ich glaube, dass man sich so ein Pathos als Weltmacht irgendwie erlauben kann, weil ja auch, ähnlich wie im antiken Rom, viel auf dem Spiel steht – der Weltfrieden z.B. Deutschland ist eben keine Weltmacht. In einer Existenzkrise von internationalen Proportionen befindet sich Deutschland nun wahrlich auch nicht. Weshalb sollten da die Reden der deutschen Politiker auch sonderlich pathetisch sein? Dafür gibt es ja keinen Anlass…
TU: Ich glaube, das deutsche Pathos-Problem hängt mit den Nazis zusammen, die da halt aus dem Vollen gegriffen haben, seitdem geht das nicht mehr, deshalb wird auch Lafontaine so stigmatisiert.
GOR: Dazu hab ich mir schon mal meine Gedanken gemacht (siehe LINK: “Liberal Arts” – Politische Rhetorik in den USA).
TU: Dabei haben die Nazis letztlich gar nicht pathetisch agiert, das war ja alles kühl choreographiert, eher so futuristisch, wie bei den Russen, ästhetisch gesehen.
GOR: Ich denke das ganze ist schon noch etwas komplexer und hat seine Wurzeln in einem aus dem antiken Rom übernommenen Bildungssystem, das hier in Europa irgendwie verschollen gegangen ist, weit vor dem Nationalsozialismus. Wieso heißt in den USA der “Senat” ausgerechnet “Senat” z.B.? Einerseits ist die „Liberal Arts“ (Septem Artes Liberales) Erziehung in den USA noch sehr lebendig, andererseits versuchten die amerikanischen Gründungsväter so weit es ging die Form der direkten Demokratie aus der römischen Republik abzukupfern, in der eben die Rhetorik eine entscheidende Rolle spielt…
TU: Ja, das mit dem Senat spricht für sich, stimmt. Aber das mit dem Futurismus ist interessant, auch der Kubismus spielt da rein, bei beiden geht es um Geometrisierung, das war bei den Nazis auch, von der Choreographie her.
GOR: Ja klar! Der italienische und der sowjetische Futurismus waren ja nicht wirklich Untergrundbewegung in der kommunistischen UDSSR oder auch im faschistischen Italien. Das passte auch ganz gut zu Massenveranstaltung und totalitärer Parteiästhetik, ähnlich wie bei Riefenstahl und den Nazis. Den Kubismus empfinde ich da eher als avantgardistische Gegenbewegung, weil er ähnlich wie der Expressionismus und der Surrealismus vom gespaltenen Subjekt ausgeht, weniger vom Massensubjekt, oder?
TU: Stimmt, was den Kubismus angeht, hast Du wohl recht, aber dieses starr Geometrische, das haben die Nazis schon von den Russen, das Kaderhaft-Starre, auch im Raumdenken, siehe diese ganzen Aufmärsche. Der Katholizismus spielt da auch eine merkwürdige Rolle, s. Marinetti, Hitler, Goebbels…
100 Jahre Futurismus
http://antifo.wordpress.com/2009/03/19/100-jahre-futurismus/