TU und GOR diskutieren heute die Zukunft des Buchmarkts zwischen iPod und Erotik.
LINK: Der iPod für Bücher wird definitiv kommen (Welt online, 11. August 208)
TU: Ich glaube nicht, dass sich irgendwas von dem durchsetzen wird.
GOR: Ich finde Bücher sind eh zu teuer. Zeitungen sind vom Preis ok, aber wenn man sich Bücher für 1 Euro oder gratis runterladen kann, könnte sich so was schon durchsetzen. Momentan sind die Verlage aber noch zu mächtig.
TU: Aber im Vergleich mit den meisten anderen Gütern sind Bücher doch nicht zu teuer, gerade die Taschenbücher, ich glaube nicht, dass dies das Problem ist, um das es da geht: Es scheint mir mehr darum zu gehen, dass das Reale des Buchstabens, der tödliche Blick auf den Buchstaben (s. Paulus: „Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig“) umgangen werden soll, weil das Subjekt ihm nicht mehr standhalten kann – so dass zwischen den direkten Anblick des Buchstabens und den Leser ein Medium installiert wird, das ihm suggeriert, der tödliche Buchstabe sei liquidiert.
GOR: Ich glaube du sprichst da vom Preis-Leistungsverhältnis – das ist bei Büchern schon ok (kommt natürlich auf den Inhalt und den Autor an). Trotzdem, ich finde Preise um die 10 Euro für kulturelle Güter schon recht immens. Ganz zu schweigen von Büchern die über 30 Euro kosten. Ich meine beim Musikmarkt ging dieser Preiswucher im Bezug auf CDs auch nach hinten los. Musiker verdienen ja mit CD-Verkäufen gar nix mehr. Purer Luxus. Das ist auch im Bezug auf Bücher zunehmend unproportional und deshalb können sich Kulturgüter nur noch gehobene Mittelschichten leisten. Es gibt ja auch kaum Autoren die vom Verkauf ihrer Bücher leben können. Das liegt nicht an den billigen Preisen, sondern ganz im Gegenteil daran, dass Bücher, ähnlich wie CDs, einfach zu teuer sind. Lesen ist doch eine Luxusveranstaltung. Im Endeffekt ist ja das „Material“ auf dem die Buchstaben abgelichtet oder gedruckt sind egal, oder? Ich versuch das jetzt nur mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Die Argumente des Kulturbürgertums sind mir ja bewusst, aber auch irgendwo langsam schon ein Klischee (Untergang der Buchkultur, der Bildung etc.).
TU: Ja, ein schwieriges Thema, klar, da helfen auch keine bildungsbürgerlichen Argumente weiter, das sehe ich auch so – ich sehe das Problem eher im Zusammenhang mit dem, was Zizek über andere Substitutionen gesagt hat: Kaffee ohne Koffein, Süßen ohne Zucker, usw. – so jetzt eben auch das Buch ohne das Reale des Buchstabens. Es geht da aber auch um eine Art De-Naturalisierung, da Bücher ja letztlich aus Bäumen gemacht sind, und auch dieses Reale, das Opfern der Natur, wird durch diese Geräte substituiert.
GOR: Wenn Bücher bzw. Texte nur noch digital zirkulieren, wäre das ja auch so eine Art „Wikipedialisierung“ des Buchmarkts. Zumindest was den Sachbuchmarkt/Wissenschaften betrifft. Das würde ich sehr begrüßen. Akademische Bücher und Aufsätze sollten für jedermann frei und vor allem problemlos und einfach zugänglich sein. Vielleicht wäre so ein wireless „Display-Buch/Textdatenbank“ insbesondere für Studenten, Wissenschaftler etc. sehr hilfreich. Ich meine, stell dir nur vor, wie das die Recherche in Bibliotheken erleichtert bzw. abschafft. Bei der Literatur sehe ich das natürlich anders. Vielleicht eignet sich das „Belle Lettre“ nur für das Papier. In diesem Sinne würde ich Zizeks Café Metapher zustimmen. Zizek selbst würde ich natürlich auch nur in Buchform lesen wollen und nicht auf einem digitalen Display. Dafür sind seine Texte zu literarisch.
TU: Ja, Deine Unterscheidung zwischen den Buchsparten und Wissensbereichen ist hilfreich – klar, die Digitalisierung ist, was Archive usw. angeht, ein Segen, keine Frage, und da sollte es auch noch viel offener zugehen. Aber ich denke, dass das Buch eben nicht nur Text ist, sondern auch an bestimmte Körpertechniken gebunden ist: man kann ein Buch eben zuklappen, man kann Seiten rausreißen, ein Buch an die Wand werfen, man kann an einem Buch riechen, es gibt unterschiedliche Drucktypen, die das Lesen schöner oder schlechter machen, all diese sinnlichen Sachen eben – ich denke halt, dass diese erotische Dimension im Sinne einer zunehmenden Puritanisierung ausgeblendet werden soll, weil sie, s. Paulus, potentiell bedrohlich, traumatisch ist.
GOR: Ja du hast da schon recht, aber die Wissenschaften haben ja ohnehin nichts Erotisches. Ein akademisches Buch werfe ich höchstens an die Wand, wenn ich ne Fliege erledigen will. Einen Roman kann man lieben und hassen, damit im Bett kuscheln usw. Ich denke du solltest das nicht so apokalyptisch sehen, sondern eher relational. Eine friedliche Koexistenz zwischen teurem Papier (für das Belle Lettre) und gratis digital (für die Wissenschaften) ist ja auch möglich.