TU und GOR diskutieren heute warum sich einige der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts so sehr nach Bodenhaftung sehnen und Aversionen gegen Autos, Technik und Maschinen haben.
LINK: Das Auto ist am Ende. Das Verschwinden des Automobils (von Hansgeorg Hermann), FAZ, 18. Juli 2007
GOR: McLuhan sagte ja, dass das Auto eine Amputation der Beine mit sich bringt, also diese Bodenhaftung durch einen virtuellen Bezug zur Realität ersetzt. Da wir uns aber in einem Zeitalter der Re-Sensualisierung befinden, wie wir ja bereits diagnostiziert haben, prophezeite McLuhan schon in den 60er Jahren, dass sich die neueren Generationen vom Auto verabschieden werden. Da gibt es auch ein ganz spannendes Buch zum Thema Virtualisierung des Raums durch Mobilität im 19. Jahrhundert durch Züge, Straßenbahnen, Shopping Malls etc.: „Window Shopping: Cinema and the Postmodern“ von Anne Friedberg. Sie spricht da vom „mobilzed virtual gaze“.
TU: Ja, spontan dachte ich, während ich das über Virilios Thesen las: stimmt, klar, hat recht – aber dann. beim zweiten Nachdenken, merkte ich, daß in dem, was er denkt, gerade was die fehlenden Bodenhaftung, usw. angeht, dass das doch eine recht konservative, von Heidegger herkommende Kulturkritik ist, eine, die, was das Vokabular angeht, zwar auf der Höhe ist, von ihrem Substrat her aber ziemlich abgegriffen, oder ?
GOR: Ich denke man muss da nicht unbedingt in so Kategorien wie progressiv-konservativ denken. Auch Baudrillards Kulturkritik kommt ja von einer Sehnsucht nach der verlorenen Realität/Bodenhaftung her.
TU: Da kennst Du Dich wohl besser aus, aber ich denke, dass es bei Baudrillard ein bisschen anders ist…Aber andererseits ist Heidegger nach dem Krieg immer auch der Philosoph der Franzosen gewesen, die sich, nach all dem Rationalismus und der Aufklärung in den Jahrhunderten davor, bei ihm ihren Bedarf nach „Boden“ und „Erde“ holten…
GOR: Das stimmt zumindest für Derrida. Bei Baudrillard wars glaub eher der historische Materialismus a la Marx/Hegel. Virillio ist ja eigentlich Architekt und hat auch Urbanistik studiert. Ist ja klar, dass ihn Themen wie Verkehr, Stadtplanung und so weiter interessieren. Was die Kulturkritik, die durch die Architektur inspiriert sind betrifft, gibt es da auch etwa den amerikanischen Architekturkritiker Lewis Mumford („Technichs and Civilization“, 1934) den man in Deutschland kaum kennt. Mumfod setzte den Beginn des mechanischen Denkens und somit der technischen Evolution mit der Erfindung der Uhr gleich, sozusagen als Prototyp aller weiteren technischen Erfindungen, inklusive des Buchdrucks. Ein weiterer Architekturhistoriker, der auch kulturkritische Texte schrieb war der Schweizer Sigfried Giedion, mit seinen beiden Hauptwerken „Space, Time and Architecture“ (1941) und „Mechanization Takes Command“ (1948).
TU: Ja, wahrscheinlich hat Baudrillard gerade der Marxismus vor unbewußtem Blut-und-Boden-Denken bewahrt…
GOR: Mit der Kritik am mechanisierten Denken und der zunehmenden Technologisierung der Welt haben doch so Denker wie Virilio oder auch Mumford vollkommen Recht…
TU: Ja, klar, das auf jeden Fall ! Ich meinte nur, daß man darauf achten muß, auf welchem ideologischen Fundament mancher Denker seine Kulturkritik errichtet hat – wo also, im Sinne Lacans, das Reale des jeweiligen Denkens „begraben“ ist“…
GOR: Ja man muss das wahrscheinlich jeweils spezifizieren. Die Heidegger/Derrida Schiene ist jedenfalls sprachlicher Natur und gehört eher in den philologischen Bereich, während ich Virilio eben eher zu Mumford/Giedion (Architektur=Bodenhaftung) und Baudrillard zum historischen Materialismus (Materie=Bodenhaftung) einordne. Baudrillard ist für mich nämlich eine Art Historiker des VERSCHWINDENS der Materie, daher auch kein wirklicher marxistischer Materialist mehr. Virilio und Baudrillard sind jedenfalls beide von McLuhan beeinflusst und der wiederum ist ja, wie wir beide wissen, ungefähr genauso substanziell konservativ wie Zizek. Jetzt kann man sich natürlich fragen, wieso sind mit die bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts alle von Ihrer Substanz her konservativ?
TU: Eine gute Frage…Das ist ein Riesenfeld…Ich denke, dass die Philosophen, die von Heidegger herkommen, Derrida also, aber auch Levinas, sich letztlich gar nicht für die Sprache interessieren, so wie sich (ich weiß, das widerspricht dem Augenschein) auch Heidegger letztlich nicht für die Sprache interessiert hat, das sieht man genau da, wo er sich mit Literatur beschäftigt hat, mit Trakl, Rilke, usw. – da geht es nie um das Wie der Sprache, wie der Dichter also schreibt und spricht, sondern darum, was er sagt, um die (angebliche) Message, die Lehre; aber nicht um den Sinn der Buchstaben, den buchstäblichen Sinn.
GOR: Ich glaube von einer „Blut – und Boden Ideologie“ zu reden, wie du das ja hier andeutest, würde ja in Richtung Faschismus gehen. Der Faschismus hat ja laut Zizek eine ähnliche Disposition: „fascism as a shock absorber for the sudden exposure of capitalist alienation and deterritorialzation—a desire to recuperate the lost sense of community and shared sociality“ —>“shock absorber“ für die verlorene Bodenhaftung.
TU: „shock absorber“ – das ist gut! Ja, so in die Richtung meinte ich das: Der Faschist, in diesem Sinne, will den Boden (der Tatsachen), nicht die Sprache. Der Faschist als Patient gedacht wäre eine Art Zwangsneurotiker, der alles tut, um nicht den Halt zu verlieren, und ihn gerade dadurch verliert…Und die Sprache Heideggers (auch Hegels) und Derridas mit ihren permanenten Wiederholungen und Schleifen hat doch auch so einen zwanghaften Charakter.
GOR: Ich glaube aber dass zum Faschismus noch was anderes dazugehört – nämlich nicht nur diese Sehnsucht nach den verlorenen Traditionen, der entfremdeten Sinnlichkeit und den klaren Identitäten. Womit ich sagen will dass deine Gleichung „Faschismus = Sehnsucht nach Bodenhaftung“ nicht aufgeht. Das ausschlaggebende beim Faschismus, um mal in psychoanalytischen Terminologien zu bleiben, ist das Ineinanderfallen von Öffentlichkeit und Subjekt, deren Gleichsetzung nämlich und zwar in einem „pathologischen“, d.h. psychotischen Rahmen. Die Sehnsucht nach Bodenhaftung ist jedenfalls nicht pathologisch – im Gegenteil, eher gesund, denn die Psychose entsteht ja aus fehlender Bodenhaftung ;)
TU: Nee, gerade umgedreht: Der Faschismus, seinem Erscheinungsbild nach, ist nicht pathologisch, sondern – das ist ja das Schlimme – er ist so normal: Boden, Identität, klare Grenzen, usw.
GOR: Also deine Definition von Faschismus hinkt doch arg!
TU: Wieso ? Gar nicht ! Ist doch kein Wunder, daß ein Faschist wie Heidegger sich im Schwarzwald so wohlgefühlt hat…Bodenhaftung…die Erdscholle…
GOR: Dann wären ja alle Landwirte und Handwerker Faschisten …
TU: Nein, das nicht: Der Unterschied ist, daß die Leute, die wirklich bodenverhaftet sind, gar nicht darüber nachdenken, daß sie es sind – genau diese Leute hat doch Heidegger als die „Uneigentlichen“ angepöbelt (s. „Sein und Zeit“); schlimm sind dagegen genau jene, die Bodenhaftung WOLLEN (und sich dabei, wie Heidegger, als die „Eigentlichen“ fühlen).
GOR: Ok, also die, die die Bodenhaftung längst verloren haben (Hitler —> unklare Identität) und „zwanghaft“ nach ihr suchen. Gut, da stimm ich mit Dir überein. Jedenfalls ist der Ausgangspunkt jedoch eine vom Boden abgehobene, und daher psychotische Persönlichkeitsstruktur.
TU: Ja, das ist der Ausgangspunkt: Es reicht schon, bloß zu DENKEN, daß man die Bodenhaftung verloren hat – schon ist man Faschist…
GOR: …aber die Bodenhaftung zu HABEN ist nicht faschistoid sondern normal ;)
TU: Ja, genau, DAS ist der Punkt !