Babylon-Paranoia
TU und GOR diskutieren heute einen so genannten „christlich-muslimischen Dialog“ zwischen dem „Cheftheoretiker der neuen Unübersichtlichkeit“ Jürgen Habermas und dem Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan.
TU: Ohne Muslime kein Europa (Frankfurter Rundschau, 25.08.2008)
GOR: Ich finde, dass diese Webseite hier ein gutes Beispiel dafür ist, was jahrelanges mediales Muslim- und Ausländer-Bashing seit 9/11 hierzulande angerichtet haben: http://www.pi-news.net/
TU: Ja, schlimme Seite… Aber ich denke, es gibt auch bei Habermas begriffliche Verhärtungen, siehe den Artikel aus der FR - allein das Wort vom christlichen Abendland scheint mir ziemlich ausgehöhlt zu sein: es gibt doch kaum (noch) Christen, ich meine wirklich Gläubige; das Problem ist doch, wie Ramadan interessanterweise sagt, dass es auch unter den muslimischen Einwanderern letztlich kaum gläubige Moslems gebe, so dass hier, als ein neues Paradigma, eine Art Heidentum auf das andere trifft, eine Leere einer anderen Leere begegnet.
GOR: Ja also ich kenn ja ein paar Türken persönlich und die gehen ungefähr so regelmäßig in die Moschee wie der Durchschnittschrist in die Kirche: also gar nicht. Mit christlichem Abendland meinen so Leute wie Habermas die “Aufklärung”. Interessant ist, dass man mittlerweile selbst als ehemaliger Adorno-Schüler, die Aufklärung als was uneingeschränkt Positives sieht.
TU: Genau, das ist wahrscheinlich das Missverständnis: dass man christliches Abendland mit der Aufklärung identifiziert - damit aber, mit dieser Gleichsetzung, wird die Religion, die christliche wie die muslimische, als etwas, das mit dem Realen konfrontiert ist, nivelliert, auf ein kulturelles Phänomen reduziert, das zur Aufrechterhaltung der hiesigen symbolischen Ordnung beiträgt, aber mehr auch nicht; gleichzeitig reagieren die “Gläubigen” auf diese Veräußerlichung selber auf bereits veräußerlichte Weise, indem sie anfangen, über Kopftücher, Kruzifixe im Klassenzimmer zu debattieren - über all das also, was Paulus, indem er die Rechtfertigung des Einzelnen durch die Tat ablehnte (zugunsten jenes “Gesetz des Glaubens”, über das wir schon gesprochen hatten), hinter sich, hinter uns also, lassen wollte…
GOR: Tun sie das? Ich meine die Gläubigen? Über Kopftücher etc. debattieren? Diese “veräußerlichte” Debatte, wie du sie nennst, mit Samuel Huntington als neuem Propheten, ist doch in Wirklichkeit kein Thema für Gläubige, sondern eher für rechts-konservative Politiker, für die das Thema “Wir vs. The Other” schon immer ein Thema war. In bestimmten gesellschaftlichen Klimata verstärkt sich dieses Thema im öffentlichen Diskurs, dann wieder wird es verdrängt von anderen Themen. Ich sehe das wie eine Art Sinuskurve. Nicht in Monaten gesprochen, sondern in Jahrzehnten. In diesem Jahrzehnt spielten diese Abgrenzungen “Wir vs. The Other” wieder eine größere Rolle und somit auch Identitätsdefinitionen, Nationalismen und Kulturkämpfe. Ich glaube ohnehin, dass sich dieses Thema zum Ende dieses Jahrzehnts (hoffentlich ohne größeren Krieg) ausgelutscht hat.
TU: Ja, diese konservativen Politiker sind eben diese “leeren” Gläubigen, zu denen auch viele Bischöfe und andere Offizielle gehören, die sich auf eine Tradition berufen, die sie als eine Art second skin übergezogen haben, die sie in ihrem Kern aber - dem Kern, der dem Realen zugehört - gar nicht wahrnehmen können und dürfen, um in ihrer hohlen speaking position nicht gefährdet zu sein.
GOR: Ja, also diese Kirchenbeamten etc., die auf diesen “mainstream-bandwagon” aufspringen…so was gab’s ja auch schon immer. Bei Habermas hab ich das Gefühl, dass er “Unübersichtlichkeit” und “Chaos” als “gefährlich” betrachtet. Multikulturelle, vor allem auch multi-linguale Gesellschaften sind für ihn wohl DAS Exempel für Unübersichtlichkeit. So eine Art Babylon-Paranoia, da er immer wieder von rational durchorganisierten Öffentlichkeiten spricht. Wenn es aber in Richtung multiple Öffentlichkeiten geht, sieht er das demokratische Aufklärungs-Ideal als gefährdet an. Ich sehe eigentlich ganz im Gegensatz dazu, die Zukunft der Demokratie eher in multiplen Öffentlichkeiten, da es sonst zu einem Foucaultschen Horrorszenario kommt, in dem wir jetzt eigentlich auch leben, nämlich, dass eine kleine Elite, die (rationalen) Diskurse dem Rest aufoktroyiert.
TU: Zu dem, was Du sagst, passt ja auch, dass eines der Argumente gegen den Dialog mit “dem” Islam oft ist, dass dieser kein inneres Zentrum habe, kein Organ, das verbindlich sagt, was gilt, sondern eben in diverse Richtungen “zerfällt” - dass er letztlich wie das Internet, das www, strukturiert ist: plural=real.
GOR: Genau, daher ist die Habermassche Babylon-Paranoia nicht nur gegen die Muslime, sondern auch gegen das Internet gerichtet….
TU: Mir scheint, dass ein Denken á la Habermas auf Instanzen fixiert ist, die für ihn das Reale bedeuten - was natürlich ein fundamentaler Fehler ist, da diese Instanzen (die Presse, die Politik, das Internet) selber nur die symbolische Ordnung repräsentieren, während das Reale ganz woanders ist…
GOR: Ja und nein. Du hast Recht, dass sich sein Denken ganz stark mit den Rationalitäten von gesellschaftlichen Instanzen beschäftigt, aber ich glaube dass er diese Instanzen, allzu sehr als eine Art Bollwerk vor dem Chaos (dem Realen) versteht. Also ich glaube nicht, dass er da was durcheinander bringt. Das “Reale” ist ja was bedrohliches, da es nicht in die symbolische Ordnung integriert werden kann.
TU: Das Reale dagegen wäre eben gerade eine Art Bollwerk IM Bollwerk (wie das Alien im Film) …
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- Published:
- 6.25.08 / 10Uhr vormittags
- Category:
- Das Reale, Das Symbolische
- Tags:
- Habermas, Islam vs. Christentum
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