Von einem Zitat aus Slavoj Zizeks neuestem Buch „Lacan: Eine Einführung“ ausgehend, entwickeln TU und GOR heute eine Diskussion über Sozial-Psychologie, Religion und gender troubles bei einem Fußballspiel der Europameisterschaft.
TU: „Die höchste Funktion des Gesetzes besteht also nicht darin, uns von dem Vergessen des Nächsten abzuhalten und die Nähe zu ihm zu bewahren, sondern den Nächsten im Gegenteil auf Distanz zu halten, uns gegen die Monströsität von nebenan abzuschirmen.“ (Siehe: Slavoj Zizek, „Lacan: Eine Einführung“, S. 63)
GOR. Ja ich weiß. Da geht es nämlich ums Spiegelstadium, die imaginäre Identifikation mit dem Nächsten/Anderen. Dies führt zu einer so genannten Über-Identifikation mit dem Anderen und das wiederum führt in den meisten Fällen zu Extremzuständen wie Liebe/Hass. Das Gesetz (Sprache/Symbolische Ordnung), braucht man quasi um nicht ständig in diesen Extremen leben zu müssen.
TU: Das, was Zizek schreibt, entspricht ja dem, was ich neulich bei unserem Paulus Dialog (Siehe: „9/11 – das neue Damaskus“) meinte, als ich sagte, dass es Paulus, seinem „Gesetz des Glaubens“ nach, darum geht, die Menschen voneinander zu lösen, indem sie aufhören, einander zu richten (Römerbrief, Zweites Kapitel), da es nur eine Instanz gibt, Gott nämlich, der urteilen darf – dadurch wird zwischen den Menschen eine Art Leere eingeführt, die einen erstmal mit der Frage konfrontiert: Was soll ich denn jetzt noch machen, wenn ich den Anderen nicht mehr verurteilen/beurteilen/einschätzen/vernichten darf? DAS scheint mir das zu sein, was Paulus auf dem Weg nach Damaskus passiert ist.
GOR: Ja aber ich stimme ja damit nicht überein. Wir haben eh wieder alles irgendwie fehlinterpretiert. Wenn die symbolische Ordnung Distanz herstellt, dann stellt die Verwerfung des Gesetzes Nähe her. Man kann sich nämlich auch mit Gott überidentifizieren (—> Ich-halte-mich-für-Gott-Psychose bei Schreber). Aber es gibt auch die Über-Identifikation mit dem Nächsten. Wie ich mal in einem Artikel zitiert habe: To love one’s own neighbour as oneself is no doubt the shortest route to cutting his throat. (In: Mikkel Borch-Jacobsen, The Freudian Subject. In Sigmund Freud, Group Psychology and the Analysis of the Ego. W.W. Norton 1974, S. 93.)
TU: Nein, wieso fehlinterpretiert? Paulus spricht ja nicht von der Auflösung des Gesetzes, die – da hast Du recht – eine traumatische Nähe des Anderen nachsichziehen würde: es geht ihm um ein ANDERES Gesetz, um das, was er „Gesetz des Glaubens“ nennt, was sicherlich ein Paradox ist, aber ein interessantes, finde ich, das man erstmal verstehen muss.
GOR: Wir befinden uns hier auf der Ebene der Sozial-Psychologie, oder wenn du so willst Gruppen-Psychologie. Da die Religion und der Glaube etwas Soziales sind, genauso wie auch das Recht bzw. das Gesetz und die Politik, klingt es manchmal seltsam wenn man individualpsychologische Kategorien ansetzt. Aber Zizek macht das ja andauernd. Also ich meine, dass sowohl Nähe als auch Distanz nötig sind. Das meinte ich ja bei unserem Damaskus-Dialog, wenn ich sagte, dass wir beide Recht hätten. Liebe-Hass ist genauso von Nöten, wie die distanzierenden Kategorisierungen der symbolischen Ordnung. Zizek meinte auch mal, dass wen man sich ausschließlich auf der Ebene der symbolischen Ordnung befindet, man zu einer Art „leblosen kalten Leiche“ wird. Es gibt da nur eine Faustregel die ich in dem Zusammenhang gut finde, die da heißt: Das Imaginäre, das Symbolische und das Reale müssen im GLEICHGEWICHT gehalten werden. Ein Ungleichgewicht erzeugt Verzerrungen, Pathologien und unter Umständen auch Kriege und Tod (sowohl als „symbolische“ Karteileiche oder als hasserfüllter Extremist). Das Stichwort ist Gleichgewicht, nicht vertikal oder horizintal, nein Gleichgewicht …
TU: Ein Ungleichgewicht in dem Sinne, wie Du es sehr schön beschreibst, gab es ja auch beim letzten Deutschland-Spiel, als Löw und der österreichische Trainer die symbolische Ordnung in irgendeiner Form verletzt haben – wie könnten wir das näher/besser beschreiben?
GOR: Ungleichgewicht im Sinne oder der Sinne? Das hat nämlich auch was mit der Sinneswahrnehmung zu tun. Siehe. Diskussion von gestern (Siehe: „Fehllektüren: Thomas vs. Descartes“). Wenn es z.B. eine ausschließliche visuelle Fixierung gibt (sozial- und individualpsychologisch gesehen), die sich dann etwa darin äußert, dass weder taktil noch auditiv viel wahrgenommen wird, könnte es dazu kommen, dass man zu sehr in der Welt des Imaginären lebt, etwa wie Narziss, der aus dem Spiegelstadium nicht herauskommt. Im Fall von Löw sehe ich das nicht so wild. Glaub der spanische Schiri war total überfordert mit dem Spiel. Der repräsentiert keinesfalls die symbolische Ordnung, da er einfach inkompetent ist.
TU: Bei Löw und dem Österreicher bestand die Übertretung doch darin, dass sie zu viel gesprochen haben – ihre überschüssige Energie symbolisierte das, was auf dem Platz eben NICHT stattfand, und genau DAS hat der Schiri gemerkt und sie auf die Tribüne geschickt, wo, s. unsere Arena-Diskussion (Siehe: „Mars macht mobil“), normalerweise der Caesar (=Merkel) sitzt, das heißt: gerade dadurch, dass der Schiri sie beiden auf die Tribüne zu Mama Merkel geschickt hat, hat er darauf aufmerksam gemacht, dass er NICHR die symbolische Ordnung präsentiert.
GOR: Wobei man hier auch von der spanischen Machokultur ausgehen muss. Indem der spanische Schiri die eher femininen (waschweiberartigen) Trainer auf die Tribüne zu Mama, heim ins Matriarchat schickt, hofft er die alte „Ordnung“ des spanischen Patriarchats wieder herzustellen.
TU: Ja, genau – und wahrscheinlich hatte er dabei, klassischer double-bind, auch die Angst, dass sich die beiden, Löw und Hickersberger als schwul entpuppen würden, indem sie die Grenze des spanischen Patriarchats überschreiten und anfangen, EINANDER zu begehren, und damit natürlich auch ihn selber (das ist der Horror des plötzlichen, gänzlich unerwarteten Begehrens des Anderen).
GOR: Ja hinzuzufügen wäre noch, dass sich nach der Verbannung der Trainer, das Österreich-Deutschland Spiel zunehmend feminisert hat. Nach Freud versucht das Ego (in diesem Fall die Mannschaft) nämlich, Attribute des verlorenen Subjekts im Trauerzustand der Melancholie wieder zu integrieren. Nur bei Michael Ballack hatte das anscheinend den gegenteiligen Effekt, da er wohl in Löw eine Art Vorbild für Männlichkeit sieht. Daher auch der kanonenartige Schuss zum 1:0.