TU und GOR diskutieren heute die Wahrnehmungslehre des Thomas von Aquin, den cartesianischen Dualismus und Durs Grünbein.
GOR: Sinne, Gegenstände und Sensibilia: Zur Wahrnehmungslehre des Thomas Von Aquin (von Jorg Alejandro Tellkamp). Kann man eigentlich die „Erkenntnistheorie“ des Thomas von Aquin auch als eine „Wahrnehmungslehre“ interpretieren?
TU: Soweit ist die Erkenntnis von der Wahrnehmung nicht entfernt, denn im Thomismus ist doch, soweit ich weiß, die „visio“ ganz wichtig.
GOR: Ja, ich denke auch, dass das zusammenhängt, aber in der theologischen Literatur spricht man eher von „thomistischer Erkenntnistheorie“, soweit ich das überblicken kann. Glaub das Thema Wahrnehmung ist nicht so ein theologisches Thema, oder?
TU: Ja, ich weiß nicht – ich glaube, da sind auch die Begriffe recht unterschiedlich, je nachdem, von welchem Subjekt der Wahrnehmung man spricht, ob es also um die Wahrnehmung seitens des Menschen oder Gottes geht.
GOR: Also in seiner „Summa de Theologia“ spricht Thomas auch über die menschliche Erkenntnis. Da geht er von Aristoteles aus, der übrigens den Begriff des „Sensus Communis“ geprägt hat. Das sind ja so „Quaestios“, also Fragen, bei Thomas. Ein bisschen aufgebaut wie eine Vorlesungsreihe. Der Teil der mich interessiert im Zusammenhang mit der Wahrnehmung heißt „Fünf Fragen über die intellektuelle Erkenntnis“. Darin beschreibt er z.B. dass die Verstandeserkenntnis nicht von der Sinnenwahrnehmung abgekoppelt werden kann. Das ist recht modern und anti-cartesianisch finde ich. Auch Marshall McLuhan bezog sich deshalb immer wieder auf Thomas. Ist nämlich kein Wunder, dass nur die intellektuelle „Erkenntnistheorie“ behandelt wurde und nicht die „Wahrnehmungslehre“. Durch Descartes und Kant/Aufklärung wurde der menschliche Körper ausgeblendet (mind/body split). Diese aristotelische Sensus Communis Tradition, die über Thomas zu McLuhan führt, taucht jetzt wieder in kulturwissenschaftlichen Debatten unter anderen Vorzeichen (Iconic Turn etc.) auf, welche das Thema Wahrnehmung wieder im philosophischen Kontext aufgreifen. Natürlich gibt’s auch genügend biologische, neurowissenschaftliche und psychologische Forschung zum Thema Wahrnehmung.
TU: Ich weiß nicht, ob das wirklich so anti-cartesianisch ist – ich habe in den letzten Tagen dieses Büchlein von Durs Grünbein über Descartes gelesen (Der cartesische Taucher – Drei Meditationen), in dem er darlegt, wie sehr auch für Descartes die genaue, sinnliche Beobachtung der Objekte Ausgangspunkt war für die Reflexion, und ich denke, dass er das ganz richtig sieht. Ich verstehe schon was Du meinst – aber vielleicht beruht dieser Split letztlich auch auf einer Fehllektüre Descartes?
GOR: Ja nungüt … natürlich ist immer alles irgendwie ne Fehllektüre. Ich meine Derrida hat ja Descartes auch dekonstruiert und den rhetorischen/arbiträren Gehalt seiner Texte aufgezeigt. Darum geht’s ja nicht unbedingt. Wenn man vom cartesianischen mind/body split spricht, dann steht das eher für eine Episteme, also die Episteme der Neuzeit.
TU: Klar, ich weiß schon, was Du meinst – ich wollte nur ergänzen, dass man Descartes nicht einfach als Anti-Empiriker darstellen kann, dazu war der auch viel zu sehr Naturwissenschaftler, hat doch auch über Schnee und Hagel usw. geschrieben, über Meteorologie.
GOR: Also der cartesianische Dualismus ist indiskutabel. Darauf beruht doch die ganze moderne Naturwissenschaft. Also du machst hier wieder ein Kuddelmuddel. Du siehst das zu sehr aus der Autoren-Perspektive.
[...] hat nämlich auch was mit der Sinneswahrnehmung zu tun. Siehe. Diskussion von gestern (Siehe: „Fehllektüren: Thomas vs. Descartes“). Wenn es z.B. eine ausschließliche visuelle Fixierung gibt (sozial- und [...]