tugor

Vom Saulus zum Globus

In Das Imaginäre, Das Reale on Juni 6, 2008 at 4:54

TU und GOR diskutieren heute den ersten Denker des Christentums, Baudrillard und die Globalisierung.

TU: „Vergebung macht das Christentum schön“ (Rheinischer Merkur) / Erst groß gedacht und dann klein beigegeben (Frankfurter Rundschau)

GOR: Also diesen Baudrillard Artikel fand ich nicht gut. Das ist zu oberflächlich. Bei Paulus kann ich als Nicht-Theologe nicht wirklich mitreden, aber ich finde eine Sache ganz interessant im Bezug aufs frühe Christentum. Mir fällt oft auf, dass etablierte Theologen über dieses 1. Jarhundert so reden, als gäbe es zahlreiche verbürgte historiographische Schriften darüber, wie z.B. wie das persönliche Verhältnis zwischen Petrus und Paulus war. Woher wollen die das wissen? Die biographischen Informationen über die Protagonisten des frühen Christentums sind ja auch reichlich spärlich. www.earlychristianwritings.com Ich finde diese Seite hier ganz interessant übrigens. „Dichtere Beschreibungen“ gibts finde ich erst ab dem 2. Jahrhundert. Genauso wie Paulus haben diese Schreiberlinge alle Jesus gar nicht gekannt…

TU: Ja, ich fand das über Baudrillard auch nicht gut, so von oben herab, ohne das Gesamtwerk dazuzudenken, so kann man nicht über einen großen Philosophen wie Baudrillard reden. In der Apostelgeschichte kann man manches über Paulus erfahren, auch über ihn als Reisenden, so seefahrtsmäßig…also DER war wirklich global, das ist echt ungeheuerlich, was für Strecken der absolviert hat…

GOR: Ja, ich kann mich erinnern mal eine Doku über Paulus gesehen zu haben. Ich glaube als Saulus war er so ne Art Pirat, hat rumgehurt und viel gesoffen …

TU: Seine „Inszenierung“, im Sinne von Inswerksetzen, der Globalisierung, sein permanentes Reisen, das fast schon eine Art Martyrium für sich gewesen sein muß, auch nur dadurch realisiert werden konnte, indem er sich vom „Gesetz“ löste, also nicht: vom Judentum, aber vom Gesetz – erst nach dieser Loslösung (was genau bedeutet sie ?) konnte die Fahrt losgehen…

GOR: Meinst du jetzt die Fahrten vor seinem Damaskuserlebnis oder die danach?

TU: Die Fahrten danach. Davor war er ja hauptsächlich auf seine Heimatstadt, auf Tarsus, beschränkt, er war ja Pharisäer.

GOR: Ja verstehe. Als gesetzestreuer Pharisäer ist er quasi „verwurzelt“. Nach der Loslösung vom Gesetz durch das Damaskuserlebnis beginnt die Migration/MIssionierung. Somit ist die Globalisierung von heute auch eine Art Loslösung vom „Gesetz“, im Lacanschen Sinne. Meinst du das so?

TU: Ja, genau, das wäre eine Möglichkeit, diese „Loslösung“ weiterzudenken – in der Theologie wird das, soweit ich weiß, meist nur als Konflikt zwischen Judentum und Christentum gedeutet, aber ich glaube, darum geht es letztlich nicht, weil diese Differenz für Paulus, der ja „beides“ war, kein Problem darstellte; die Loslösung vom Gesetz ist bei Paulus auch kein antiautoritärer Reflex, sondern eben, wie die Beatles das nannten, ein „ticket to ride“, eine Ablösung vom Ort, vom Lokalen, von der Erde letztlich, ohne dabei esoterisch zu werden. An seinem Beispiel kann man jedenfalls auch sehen, daß Sloterdijk recht hat, wenn er sagt, daß wir die Globalisierung längst hinter uns haben – er sagt ja, daß die wirkliche Globalisierung im 16. und 17. Jahrhundert stattgefunden hat, wir dagegen sind nur noch Posthistoire…

GOR: Ja die Sloterdijk-These kenne ich. Ist doch aus dieser Sphären-Trilogie, oder? Hmm, ja da hat er im Prinzip schon recht. Die Kolonialisierung war die erste Globalisierung.

TUR: Die These von Sloterdijk ist aus „Sphären“, genau, ich habe den ersten und den dritten Band gelesen.

GOR: Also ich hab da in diesem Zusammenhang übrigens ein interessantes Buch gelesen : Silvio Vietta: Europäische Kulturgeschichte. Für ihn fängt diese „Loslösung“ von der du sprichst, im Prinzip bereits mit der Erfindung des Alphabets, also durch die „Abstraktion“ der Schrift an. Durch die Schrift-Abstraktion entsteht die „Logos-Kodierung“ der Philosophie-Wissenschaft in Griechenland und setzt sich dann fort mit der „Pistis-Kodierung“ (griech. Pistis=Glauben) in der Spätantike und im Mittelalter. In der Neuzeit ab dem 15. Jahrhundert findet dann eine Rückkehr zur Logos-Kodierung statt die schließlich heute in der „Szentio-Technologie als Telos der europäischen Logos-Kodierung“ mündet. Logos und Pistis haben jedenfalls die Gemeinsamkeit in der „Abwendung“ (=Loslösung) von der Welt des Diesseits und der körperlichen Dinge zugunsten einer Metaphysik des Jenseits, bzw. der Abstraktion —> Sphären.

TU: Das ist eine wichtige Ergänzung, ja: bereits die Schrift ist Abstraktion, Abwendung von den Götzen (s. die Offenbarung der Steintafeln auf dem Berg Sinai) – die Loslöung vom Gesetz bei Paulus ist dabei jedoch keine Abwendung von der Schrift, sondern eine Hinwendung zur Pistis, bzw. eine Kombination beider „Sphären“: er „glaubt“ an (und durch) die „Schrift“.

GOR: Ja genau keine Abwendung. Pistis ist eine Art Fortsetzung des Logos. Das sagt ja auch Vietta. Eine kontinuierliche Kulturgeschichte der Loslösung vom Realen hin zu den Sphären/Simulakren sozusagen.

  1. [...] unsere Diskussion ist eigentlich eine Art Fortsetzung unseres Globalisierungs/Sphären- (Siehe: Vom Saulus zum Globus) und Noosphären-Dialogs (siehe: Hardware der Noosphäre). Diese Verbindung zwischen Sloterdijk und [...]